Faktencheck · Medien · Ukraine
Fake News der NZZ: Andreas Ruesch's Biowaffen-Strohmann gegen Tulsi Gabbard
Der NZZ-Artikel konstruiert aus Tulsi Gabbards Aussagen zu Biolaboren und Gain-of-Function-Forschung eine Biowaffen-Verschwörung. Victoria Nulands öffentliche Senatsaussage bestätigt dagegen den zentralen Tatsachenkern: In der Ukraine gab es biologische Forschungseinrichtungen mit Material, dessen Übernahme durch Russland die US-Regierung verhindern wollte.
Warum dieser NZZ-Artikel problematisch ist
Der Artikel arbeitet mit einem Strohmann: Er räumt ein, dass Tulsi Gabbard nicht von Biowaffen spricht, behandelt ihre Aussagen über Biolabore und Gain-of-Function-Forschung aber trotzdem als Biowaffen-Verschwörung. Gleichzeitig wird russische Propaganda als nahezu alleiniger Deutungsrahmen gesetzt, während mögliche westliche oder ukrainische strategische Kommunikation nicht mit demselben Massstab geprüft wird.
Mehrere zentrale Vorwürfe beruhen auf Interpretation oder politischer Etikettierung statt auf vorgelegten Belegen. Die NZZ bezeichnet Gabbard beispielsweise als langjährige Verbreiterin russischer Propagandathesen, nennt dafür im Artikel aber keine konkreten Zitate oder Fälle. Auch liefert sie keinen Gegenbeweis gegen den von Nuland bestätigten Kernpunkt, dass in der Ukraine biologische Forschungseinrichtungen mit sicherheitsrelevantem Material existierten.
Problematisch und manipulierend wirkt der Beitrag deshalb nicht aufgrund einer einzelnen Wertung, sondern durch die Kombination aus falscher Zuschreibung, einseitigem Propaganda-Framing, interpretativen Unterstellungen und fehlender Belegführung. Eine bewusste Täuschungsabsicht lässt sich daraus allerdings nicht beweisen.
Verbreitet die NZZ hier Fake News über Tulsi Gabbard?
Beim zentralen Biowaffen-Vorwurf: ja, die Darstellung ist falsch. Die NZZ behauptet bereits im Untertitel, Gabbard wärme eine Theorie über «amerikanisch finanzierte Biowaffenlabore» auf. Im Text räumt Andreas Rüesch jedoch ausdrücklich ein: «In ihrer Videobotschaft verwendet Gabbard diesmal zwar nicht das Wort ‹Biowaffen›.» Er ersetzt das fehlende Zitat danach durch seine Interpretation, die «Anspielung» sei wegen des Begriffs Gain-of-Function trotzdem klar.
Damit wird nicht eine tatsächlich ausgesprochene Biowaffenbehauptung geprüft. Stattdessen konstruiert der Artikel eine weitergehende Aussage und widerlegt diese. Das ist ein Strohmann. Gleichzeitig sind nicht alle Einwände der NZZ falsch: Die veröffentlichten Folien sind dünn, teilweise fehlerhaft und beweisen weder ein Biowaffenprogramm noch die von Gabbard behauptete systematische Vertuschung.
Wer ist Andreas Rüesch – und was schrieb er in der NZZ?
Andreas Rüesch ist stellvertretender Leiter der Auslandredaktion der NZZ und befasst sich schwergewichtig mit Russland, der Ukraine und internationaler Sicherheitspolitik. In seinem am 15. Juni 2026 veröffentlichten Artikel bezeichnet er Gabbards Aussagen als Desinformation und als Wiederaufnahme einer russischen Verschwörungstheorie über US-finanzierte Biowaffenlabore.
Dieser Faktencheck untersucht nicht Rüeschs politische Haltung und auch nicht sämtliche Aussagen seines Artikels. Geprüft wird die konkrete Tatsachenfrage: Hat Tulsi Gabbard in dem behandelten Video von US-finanzierten Biowaffenlaboren gesprochen?
Was die NZZ behauptet
Titel: «Trumps Geheimdienstchefin verabschiedet sich mit einem Schlussbouquet von Desinformation über die Ukraine»
Untertitel: «Tulsi Gabbard wärmt die Verschwörungstheorie von amerikanisch finanzierten Biowaffenlaboren auf – zur Freude der russischen Propaganda.»
Diese Formulierung legt nahe, Gabbard habe behauptet, die USA hätten in der Ukraine Labore zur Entwicklung biologischer Waffen finanziert. Für diese Zuschreibung liefert der von der NZZ behandelte Videoauftritt jedoch keine Grundlage.
Von der Sachfrage zur Schuld durch Nähe
Nachdem die NZZ Gabbards Aussage mit der russischen Biowaffenerzählung gleichgesetzt hat, verschiebt sich der Artikel von der Belegprüfung zur politischen Etikettierung. Gabbard habe «russische Propagandathesen» weiterverbreitet, Russland habe an der Spitze der amerikanischen Geheimdienste eine «Verbündete», und westliche Medien, die ihre Veröffentlichung aufgriffen, werden als «Helfer» dargestellt.
Dass russische Staatsmedien eine Aussage verbreiten, beweist jedoch nicht, dass die Aussage falsch ist oder im Auftrag Russlands erfolgt. Propaganda kann wahre, falsche oder selektiv dargestellte Informationen verwenden. Entscheidend bleibt, ob die konkrete Behauptung belegt ist.
«Russland greift die Aussage auf» ist ein Hinweis auf ihre politische Verwertbarkeit – aber kein Faktencheck ihres Wahrheitsgehalts.
Der Artikel liefert keinen Beleg dafür, dass Gabbard mit Russland koordiniert handelte. Die Bezeichnung als faktische «Verbündete» ist daher eine politische Wertung, keine nachgewiesene Beziehung.
«Jahrelang russische Propagandathesen»: Die NZZ liefert keinen Beleg
Andreas Rüesch schreibt:
«Auch sonst fiel sie jahrelang mit der Weiterverbreitung russischer Propagandathesen auf.»
Für diese weitreichende Tatsachenbehauptung nennt der Artikel kein einziges konkretes Beispiel. Es fehlen:
- ein genaues Zitat Gabbards;
- Datum und Kontext der angeblichen Aussage;
- die russische Ausgangsbehauptung, die sie übernommen haben soll;
- ein Nachweis, dass diese Ausgangsbehauptung falsch oder irreführend war;
- eine Quelle, die eine wiederholte oder systematische Verbreitung belegt.
Der Artikel verwendet «russische Propagandathese» damit als politisches Etikett, ohne die zugrunde liegenden Fälle offenzulegen. Für Leserinnen und Leser ist die Behauptung deshalb im Rahmen dieses Artikels nicht überprüfbar.
Was die NZZ hätte zeigen müssen
Um den Vorwurf seriös zu begründen, hätte die NZZ mindestens zwei oder drei konkrete Fälle dokumentieren müssen:
- Gabbards vollständige Originalaussage;
- die zeitlich frühere russische Propagandabehauptung;
- unabhängige Belege dafür, dass die Behauptung falsch oder manipulativ war;
- eine Erklärung, ob Gabbard die Aussage bewusst, fahrlässig oder nach einer Korrektur weiterverbreitete.
Ohne diese Schritte bleibt der Satz eine unbelegte Generalisierung. Er verstärkt zwar das Bild Gabbards als prorussische Akteurin, trägt aber nichts zur Prüfung der konkreten Biolabor-Aussage bei.
Gain-of-Function-Forschung ist nicht gleich Biowaffenforschung
Gain-of-Function ist ein breiter Forschungsbegriff. Er bezeichnet Experimente, bei denen Organismen oder Erreger neue oder verstärkte Eigenschaften erhalten. Solche Forschung kann riskant und «dual use» sein – also sowohl legitimen als auch missbräuchlichen Zwecken dienen. Sie wird unter anderem für Grundlagenforschung, Impfstoffentwicklung, Diagnostik und das Verständnis von Übertragungswegen eingesetzt.
Ein Biowaffenprogramm setzt dagegen die Absicht voraus, Krankheitserreger als Waffen zu entwickeln, herzustellen oder einsatzbereit zu machen. Die blosse Erwähnung gefährlicher Gain-of-Function-Forschung ist kein Beleg für eine solche Absicht.
Die NZZ darf Gabbards GoF-Vorwurf als unbelegt oder überzogen kritisieren. Sie darf daraus aber nicht ohne zusätzlichen Beleg eine Aussage über «Biowaffenlabore» machen.
Die NZZ räumt den fehlenden Biowaffen-Vorwurf selbst ein
«In ihrer Videobotschaft verwendet Gabbard diesmal zwar nicht das Wort ‹Biowaffen›, aber ihre Anspielung ist klar, da sie von gefährlicher ‹Gain of Function›-Forschung spricht.»
Dieser Satz ist das Kernproblem des Artikels. Die NZZ kann kein Zitat vorlegen, in dem Gabbard von Biowaffen oder Biowaffenlaboren spricht. Stattdessen erklärt sie eine eigene Deutung zur angeblich «klaren» Botschaft. Danach behandelt sie diese Deutung so, als wäre sie Gabbards Tatsachenbehauptung.
Was die NZZ daraus macht: Gabbard behaupte, die USA finanzierten verbotene ukrainische Biowaffenlabore.
Die Argumentationskette der NZZ
Der vollständige Artikel arbeitet in fünf Schritten:
- Er erinnert an die unbelegte russische Behauptung, die Ukraine betreibe verbotene, von den USA finanzierte Biowaffenlabore.
- Er erklärt, Gabbard habe «diese Verschwörungstheorie wieder aufgewärmt».
- Er räumt ein, dass Gabbard im aktuellen Video das Wort «Biowaffen» gar nicht verwendet.
- Er behauptet dennoch, ihre «Anspielung» sei wegen der Erwähnung von Gain-of-Function-Forschung eindeutig.
- Er stellt Gabbard anschliessend als «Verbündete» Russlands und Teil eines Kreises von «Helfern im Westen» dar.
Der entscheidende Beleg fehlt zwischen Schritt drei und vier. Aus «gefährliche Gain-of-Function-Forschung» folgt weder sprachlich noch wissenschaftlich «Biowaffenprogramm». Genau diese Gleichsetzung braucht der Artikel jedoch, um Gabbards tatsächliche Aussage mit der russischen Biowaffenerzählung identisch zu machen.
Was Tulsi Gabbard tatsächlich sagt
Gabbard spricht von mehr als 120 durch die US-Regierung finanzierten biologischen Laboren in über 30 Ländern, darunter Einrichtungen in der Ukraine. Sie thematisiert gefährliche und hoch ansteckende Erreger, mangelhafte Transparenz sowie in einzelnen Fällen mutmassliche Gain-of-Function-Forschung. Sie verweist ausserdem auf das Risiko, dass ukrainische Anlagen infolge des Krieges beschädigt oder eingenommen werden.
Die Begriffe Biowaffe, Biowaffenlabor oder offensives Biowaffenprogramm verwendet sie im veröffentlichten Video nicht.
Video direkt auf YouTube öffnen
Deutsche Inhaltswiedergabe des Videos
Nach monatelanger Durchsicht von Beständen und Akten der US-Geheimdienste würden neue Informationen über eine langjährige Finanzierung biologischer Labore durch die US-Regierung veröffentlicht. Es gehe um mehr als 120 Labore in über 30 Ländern.
Dazu gehörten auch Labore in der Ukraine. Wegen des andauernden Krieges bestehe dort das Risiko einer Beschädigung, Einnahme oder anderweitigen Beeinträchtigung. Die US-Geheimdienste hätten zuvor selbst gewarnt, dass ein US-finanziertes Labor in der Ukraine wahrscheinlich gefährliche Krankheitserreger beherberge und gegenüber russischen Angriffen, Beschlagnahmung oder Schäden verwundbar sei.
Informationen über das volle Ausmass, die Standorte und die Finanzierung dieser Labore seien der amerikanischen Öffentlichkeit vorenthalten worden. Viele der Einrichtungen hätten mit gefährlichen und hoch ansteckenden Krankheitserregern gearbeitet. In einzelnen Fällen habe dies auch gefährliche Gain-of-Function-Forschung umfasst, bei geringer Sichtbarkeit und Aufsicht.
Gabbard kritisiert Politiker, Gesundheitsfunktionäre und Teile des nationalen Sicherheitsapparats der Biden-Regierung. Diese hätten die Existenz US-finanzierter oder US-unterstützter Labore abgestritten oder heruntergespielt und Kritiker als ausländische Einflussagenten oder Verräter dargestellt.
Das ODNI werde weiter ermitteln, wo sich solche Einrichtungen befinden, welche Erreger sie lagern und welche Forschung dort betrieben wird. Ziel sei mehr Transparenz und das Ende gefährlicher Gain-of-Function-Forschung.
Der entscheidende Unterschied
| Begriff | Bedeutung und Beleglage |
|---|---|
| Biologisches Labor | Eine Einrichtung, die biologische Proben oder Krankheitserreger untersucht, lagert oder diagnostisch verarbeitet. Solche Labore können zivile Aufgaben in Gesundheit, Landwirtschaft, Seuchenüberwachung oder Biosicherheit erfüllen. |
| US-finanziert / US-unterstützt | Die USA finanzierten Bau, Modernisierung, Ausrüstung, Ausbildung oder Forschungsprogramme. Das bedeutet nicht automatisch, dass die USA Eigentümer oder Betreiber der Einrichtung waren. |
| Biowaffenlabor | Ein Labor, das an der Entwicklung, Herstellung oder Einsatzvorbereitung biologischer Waffen arbeitet. Dafür liefern weder Gabbards Video noch die hier geprüften Unterlagen einen Beweis. |
Die NZZ verschiebt damit die zu prüfende Aussage:
Aus «US-finanzierte Biolabore, die teilweise mit gefährlichen Erregern arbeiten» wird «US-finanzierte Biowaffenlabore». Anschliessend wird die zweite, deutlich weitergehende Behauptung als russische Verschwörungstheorie zurückgewiesen.
Das ist ein klassischer Strohmann: Nicht die tatsächlich geäusserte Behauptung wird widerlegt, sondern eine verschärfte Version, die der Sprecherin zugeschrieben wird.
Victoria Nuland bestätigte bereits 2022 biologische Forschungseinrichtungen
Victoria Nuland war 2022 Under Secretary of State for Political Affairs, eine der ranghöchsten Positionen im US-Aussenministerium. Zuvor leitete sie als Assistant Secretary das Büro für Europa und Eurasien. Sie galt als entschiedene Unterstützerin der Ukraine und als scharfe Kritikerin der russischen Politik. Es handelt sich also gerade nicht um eine kremlfreundliche Quelle.
Am 8. März 2022 fragte Senator Marco Rubio sie in einer öffentlichen Senatsanhörung, ob die Ukraine chemische oder biologische Waffen besitze. Nuland antwortete nicht mit einer Bestätigung eines Waffenprogramms. Sie sagte jedoch ausdrücklich, dass die Ukraine über biologische Forschungseinrichtungen verfüge und dass die USA besorgt seien, russische Truppen könnten dort vorhandenes Material unter ihre Kontrolle bringen.
«Die Ukraine verfügt über biologische Forschungseinrichtungen. Wir sind sehr besorgt, dass russische Truppen versuchen könnten, diese unter ihre Kontrolle zu bringen.»
Nulands Aussage bei C-SPAN ansehen
Was sie nicht beweist: Dass die Ukraine oder die USA dort ein offensives Biowaffenprogramm betrieben.
Genau deshalb ist der logische Test aufschlussreich: Würde schon die blosse Erwähnung ukrainischer Biolabore und der Sorge vor einer russischen Einnahme als «russische Propaganda» gelten, müsste derselbe Vorwurf auch Nuland treffen. Das wäre offenkundig unsinnig. Die Existenz der Labore ist von der Frage eines Biowaffenprogramms zu trennen.
Was Nulands Aussage tatsächlich für Gabbards Kernpunkt belegt
Victoria Nulands Aussage ist für diesen Faktencheck vor allem deshalb relevant, weil sie Gabbards grundlegenden Tatsachenkern bestätigt: In der Ukraine existierten biologische Forschungseinrichtungen, und die US-Regierung betrachtete das dort vorhandene Forschungsmaterial als so sicherheitsrelevant, dass sie eine russische Übernahme verhindern wollte.
Die Ukraine verfüge über biologische Forschungseinrichtungen, und die USA seien besorgt, dass russische Truppen versuchen könnten, diese unter ihre Kontrolle zu bringen.
Wären die Einrichtungen und das darin befindliche Material völlig harmlos oder belanglos gewesen, wäre diese Sorge kaum erklärbar. Nulands Formulierung zeigt deshalb, dass dort zumindest sicherheitsrelevante biologische Materialien oder Forschung vorhanden waren, deren Verlust, Missbrauch oder unkontrollierte Weitergabe die US-Regierung verhindern wollte.
Das beweist kein offensives Biowaffenprogramm. Es widerspricht aber der Darstellung, schon die Erwähnung von US-unterstützten Biolaboren mit gefährlichen oder sensiblen Inhalten sei eine erfundene Verschwörungstheorie.
Was sie nicht belegt: ein ukrainisches oder amerikanisches Biowaffenprogramm.
Die späteren Pentagon-Dokumente ergänzen diesen Punkt. Sie bestätigen US-Unterstützung für 46 ukrainische Labore, Gesundheits- und Diagnostikstandorte sowie den Umgang mit Krankheitserregern und Biosicherheitsrisiken. Damit wird Gabbards Aussage über die Existenz solcher Einrichtungen und ihre sicherheitspolitische Relevanz zusätzlich gestützt.
Auch das Pentagon bestätigte US-Unterstützung
Ein Faktenblatt des US-Verteidigungsministeriums vom 11. März 2022 nennt rund 200 Millionen US-Dollar, die seit 2005 in der Ukraine investiert worden seien. Unterstützt worden seien 46 ukrainische Labore, Gesundheitseinrichtungen und Diagnostikstandorte.
Das Pentagon erklärte ebenfalls, dass ukrainische Labore Krankheitserreger lagerten und untersuchten. Nach Beginn der russischen Invasion habe das ukrainische Gesundheitsministerium die sichere Vernichtung bestimmter Proben angeordnet, um eine unbeabsichtigte Freisetzung im Fall eines Angriffs zu verhindern.
Zugleich betonte das Pentagon, die Einrichtungen seien im Eigentum der Ukraine und würden von der Ukraine betrieben. Die Programme hätten der öffentlichen Gesundheit, Diagnostik, Biosicherheit und Seuchenüberwachung gedient. Das Pentagon bestritt ausdrücklich, dass die USA oder die Ukraine dort biologische Waffen entwickelten.
Diese Punkte widersprechen einander nicht:
- Belegt Es gab US-finanzierte beziehungsweise US-unterstützte biologische Labore und Programme.
- Belegt Einige Einrichtungen arbeiteten mit gefährlichen Krankheitserregern.
- Belegt US-Behörden befürchteten Beschädigung, Freisetzung oder russische Kontrolle.
- Nicht belegt Ein aktives US-amerikanisches oder ukrainisches Biowaffenprogramm.
Was bedeutet es, dass kein Whistleblower widersprochen hat?
Dass bislang kein Geheimdienstmitarbeiter öffentlich erklärt hat, Gabbards Unterlagen seien gefälscht, stärkt zumindest nicht die These, die Veröffentlichung sei offensichtlich frei erfunden. Als Beweis ist dieses Schweigen aber ungeeignet.
Geheimdienstmitarbeiter unterliegen Geheimhaltungs- und Vorabprüfungspflichten. Ein fehlendes öffentliches Dementi kann viele Gründe haben und erlaubt keinen sicheren Schluss darüber, ob Gabbards gesamte Interpretation intern geteilt wird. Belastbar sind daher die veröffentlichten Dokumente selbst – nicht die Abwesenheit eines Whistleblowers.
Hat die NZZ mehr Informationen als die Chefin der US-Geheimdienste?
Tulsi Gabbard war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Director of National Intelligence. Der DNI ist offiziell die Leiterin der aus 18 Organisationen bestehenden US Intelligence Community und die wichtigste Geheimdienstberaterin des Präsidenten. Ihr Amt verfügt grundsätzlich über einen deutlich breiteren Zugang zu klassifizierten Erkenntnissen als eine Zeitungsredaktion.
Das ist ein gewichtiger Grund, ihre Veröffentlichung ernst zu nehmen. Es ist aber kein automatischer Wahrheitsbeweis. Eine politische Leiterin kann Geheimdienstmaterial selektiv auswählen, falsch einordnen oder mit einer weitergehenden Interpretation verbinden. Zudem ist aus der ODNI-Pressemitteilung und den vier Folien nicht ersichtlich, ob alle 18 Dienste die politische Schlussfolgerung teilen oder ob es sich um eine Veröffentlichung der DNI-Leitung handelt.
Umgekehrt kann die NZZ die Aussage der DNI nicht allein mit dem Hinweis auf «russische Propaganda» entkräften. Sie müsste zeigen, welche konkrete Tatsachenbehauptung falsch ist. Beim Vorwurf der Biowaffenlabore gelingt ihr das nicht, weil Gabbard diesen Vorwurf im geprüften Video gar nicht erhebt.
Was die vier ODNI-Folien tatsächlich belegen – und was nicht
Die am 12. Juni 2026 veröffentlichte ODNI-Mitteilung behauptet, die US-Regierung habe mehr als 120 Biolabore in über 30 Ländern finanziert. Sie nennt auch ukrainische Einrichtungen und verweist auf eine frühere Geheimdienstbewertung, wonach ein US-finanziertes veterinärmedizinisches Institut in Charkiw wahrscheinlich gefährliche Erreger beherbergte und durch russischen Angriff, Einnahme oder Beschädigung gefährdet war.
Die vier freigegebenen Folien enthalten unter anderem folgende Angaben:
- mehr als 40 in der Ukraine gebaute oder unterstützte Einrichtungen;
- US-Ausbildung für ukrainische Wissenschafter in Biocontainment;
- Aufbewahrung gefährlicher und teils aus der Sowjetzeit stammender Erreger;
- konkrete US-Investitionen in mehrere ukrainische Labore;
- US-finanzierte Forschung an hochpathogener Vogelgrippe und anderen infektiösen Viren.
Das bestätigt wesentliche Tatsachenteile von Gabbards Aussage: US-Finanzierung beziehungsweise Unterstützung, gefährliche Erreger, Biocontainment und ein reales Kriegsrisiko. Die Folien belegen jedoch kein offensives Biowaffenprogramm und dokumentieren auch nicht, welche konkreten Projekte als gefährliche Gain-of-Function-Forschung einzustufen wären.
Die Kritik an der Qualität der Folien ist berechtigt
Auf der Kartenfolie ist «Kyiv» deutlich falsch platziert. Zudem erscheint die Bezeichnung «Cherniv», deren Zuordnung unklar ist. Solche Fehler sind für eine Veröffentlichung des höchsten amerikanischen Geheimdienstamts peinlich und rechtfertigen Zweifel an der redaktionellen und analytischen Sorgfalt.
Die NZZ schreibt ausserdem, eine Grafik sei identisch mit einer 2022 von Russland veröffentlichten Darstellung. Die Folie selbst nennt ihre genaue Herkunft nicht. Ohne eine dokumentierte Provenienz können wir diese Übereinstimmung hier nicht abschliessend bewerten. Selbst eine Übernahme aus russischem Material würde allerdings nicht automatisch jede darin enthaltene Information widerlegen; sie würde vor allem eine besonders strenge Quellenprüfung verlangen.
Was man an Gabbards Darstellung legitim kritisieren kann
Ein sauberer Faktencheck muss auch die Grenzen ihrer Aussagen benennen. Kritisch geprüft werden können insbesondere:
- ob die Zahl von mehr als 120 Einrichtungen methodisch sauber abgegrenzt ist;
- ob «finanziert», «gebaut», «modernisiert» und «unterstützt» ausreichend unterschieden werden;
- welche konkreten Projekte tatsächlich als Gain-of-Function-Forschung einzustufen sind;
- ob die Existenz und Finanzierung der Programme wirklich «vertuscht» wurde, obwohl Teile davon bereits 2022 öffentlich dokumentiert waren;
- ob die veröffentlichten Dokumente tatsächlich neu sind oder teilweise bereits bekannte Informationen neu zusammenstellen.
Das wären sachliche Einwände gegen Gabbards Reichweite, Interpretation oder politische Zuspitzung. Die NZZ-Unterzeile wählt jedoch einen anderen Weg: Sie ersetzt Gabbards Aussage über Biolabore durch eine Behauptung über Biowaffenlabore.
Zeigt der Artikel eine anti-russische Agenda der NZZ?
Der vorliegende Artikel verwendet ein deutlich konfrontatives Russland-Framing. Er beginnt mit dem russischen Informationskrieg, verbindet Gabbard mit «russischen Propagandathesen», bezeichnet westliche Multiplikatoren als «Helfer» und erklärt sie am Ende zur «Verbündeten» an der Spitze der US-Geheimdienste.
Das zeigt eine klare argumentative Perspektive dieses Beitrags. Aus einem einzelnen Artikel lässt sich jedoch keine umfassende redaktionelle «Anti-Russland-Agenda» der gesamten NZZ beweisen. Dafür müsste eine grössere Zahl von Artikeln systematisch nach Themenauswahl, Quellengebrauch, Gegenpositionen und Fehlerkorrekturen untersucht werden.
Für diesen Faktencheck genügt die engere Feststellung: Das Russland-Framing ersetzt an entscheidender Stelle die Prüfung von Gabbards tatsächlichem Wortlaut und begünstigt eine Schuld-durch-Assoziation-Logik.
Gabbards Vertuschungsvorwurf ist zu pauschal
Die NZZ hat recht, wenn sie darauf hinweist, dass die amerikanisch-ukrainische Kooperation nicht vollständig geheim war. Das Pentagon veröffentlichte spätestens im März und Juni 2022 detaillierte Angaben: Seit 2005 seien rund 200 Millionen Dollar investiert und 46 ukrainische Labore, Gesundheitseinrichtungen und Diagnostikstandorte unterstützt worden. Auch Victoria Nulands Senatsaussage war öffentlich.
Deshalb ist Gabbards Behauptung, mächtige Personen hätten die Existenz solcher Labore generell vertuscht oder behauptet, sie existierten überhaupt nicht, in dieser pauschalen Form nicht belegt. Häufig bestritten US-Behörden nicht die Existenz biologischer Forschungseinrichtungen, sondern die weitergehende Behauptung, es handle sich um von den USA betriebene Biowaffenlabore.
Möglich ist, dass Gabbard mit «full existence and funding» auf zusätzliche Standorte, Beträge, Forschungsprogramme oder interne Risikobewertungen verweist, die zuvor nicht vollständig öffentlich waren. Die vier Folien reichen aber nicht aus, um eine vorsätzliche, umfassende Vertuschung zu beweisen.
Fazit
Der NZZ-Artikel vermischt drei verschiedene Ebenen: die belegte Existenz US-finanzierter beziehungsweise US-unterstützter Biolabore, die unbelegte Behauptung eines amerikanisch-ukrainischen Biowaffenprogramms und eine pauschale Charakterisierung Gabbards als langjährige Verbreiterin russischer Propaganda.
Beim Biowaffen-Vorwurf räumt die NZZ selbst ein, dass Gabbard das Wort «Biowaffen» nicht verwendet. Der Artikel ersetzt das fehlende Zitat durch die Interpretation, ihre Erwähnung von Gain-of-Function-Forschung sei eine «klare Anspielung». Das ist der zentrale Strohmann.
Victoria Nulands Aussage stützt dagegen den Kern von Gabbards Darstellung: In der Ukraine existierten biologische Forschungseinrichtungen, und die US-Regierung war besorgt, dortiges Forschungsmaterial könnte unter russische Kontrolle geraten. Das zeigt, dass die Einrichtungen und Materialien sicherheitsrelevant waren. Es beweist kein Biowaffenprogramm, widerlegt aber die Vorstellung, die Existenz heikler biologischer Forschungseinrichtungen sei bloss erfunden worden.
Der Satz, Gabbard habe «jahrelang russische Propagandathesen» weiterverbreitet, bleibt im Artikel ebenfalls unbelegt. Es fehlen konkrete Fälle, Originalzitate, Daten und Quellen.
Gabbards eigene Präsentation ist dennoch nicht vollständig überzeugend: Die vier ODNI-Folien enthalten auffällige Fehler, belegen kein Biowaffenprogramm und stützen ihren pauschalen Vertuschungsvorwurf nur unzureichend.
Unser Urteil: Der zentrale NZZ-Vorwurf ist überwiegend irreführend; die Propaganda-Zuschreibung ist im Artikel unbelegt. Teilweise berechtigt ist hingegen die Kritik an der Qualität und Reichweite von Gabbards veröffentlichten Belegen.
Häufige Fragen zum NZZ-Faktencheck
Hat Tulsi Gabbard im Video von Biowaffenlaboren gesprochen?
Nein. Auch die NZZ räumt ausdrücklich ein, dass sie das Wort «Biowaffen» nicht verwendet. Der Artikel leitet die angebliche Biowaffenbotschaft aus ihrer Erwähnung von Gain-of-Function-Forschung ab.
Ist Gain-of-Function-Forschung automatisch Biowaffenforschung?
Nein. Gain-of-Function ist ein breiter Forschungsbegriff und kann legitime, riskante oder dual-use Forschung umfassen. Ein Biowaffenprogramm erfordert zusätzliche Belege für eine militärische Entwicklungs- oder Einsatzabsicht.
Beweisen die ODNI-Folien ein Biowaffenprogramm?
Nein. Sie dokumentieren US-Unterstützung, gefährliche Erreger, Biocontainment und konkrete Labore. Sie belegen aber weder ein offensives Biowaffenprogramm noch klar die behauptete Gain-of-Function-Forschung.
War die US-Unterstützung ukrainischer Biolabore geheim?
Nicht vollständig. Das Pentagon und Victoria Nuland bestätigten die Kooperation 2022 öffentlich. Gabbards weitergehender Vorwurf einer umfassenden, vorsätzlichen Vertuschung wird durch die vier Folien nicht ausreichend bewiesen.
Beweist Gabbards Amt, dass ihre Darstellung stimmt?
Nein. Als DNI leitete sie die US Intelligence Community und hatte breiten Zugang zu Geheimdienstinformationen. Das verleiht ihrer Veröffentlichung erhebliches Gewicht, ersetzt aber nicht die Prüfung der konkret veröffentlichten Belege.
Belegt die NZZ, dass Gabbard jahrelang russische Propaganda verbreitete?
Im vorliegenden Artikel nein. Andreas Rüesch nennt keine konkreten Aussagen, Zeitpunkte oder Primärquellen. Die Behauptung ist daher innerhalb des Artikels nicht überprüfbar und bleibt unbelegt.
Was bestätigt Victoria Nulands Aussage?
Sie bestätigt biologische Forschungseinrichtungen in der Ukraine und eine konkrete Sorge der US-Regierung, dass Forschungsmaterial unter russische Kontrolle geraten könnte. Das zeigt sicherheitsrelevante Inhalte, beweist aber kein Biowaffenprogramm.
Quellen
- Andreas Rüesch, Neue Zürcher Zeitung, «Trumps Geheimdienstchefin verabschiedet sich mit einem Schlussbouquet von Desinformation über die Ukraine», 15. Juni 2026: Originalartikel bei der NZZ
- Tulsi Gabbard / YouTube, «Tulsi Gabbard Exposes US Global Biolab Program», 12. Juni 2026: youtube.com/watch?v=gFc3oqQIJDw
- Office of the Director of National Intelligence, «DNI Gabbard Reveals Evidence of U.S. Taxpayer-Funded Global Biolab Program», 12. Juni 2026: Offizielle ODNI-Mitteilung
- Office of the Director of National Intelligence, freigegebene «BIOLAB Slides», 23. April 2026: PDF der freigegebenen Folien
- C-SPAN, «Senator Rubio Questions Undersecretary Nuland Over Biolabs in Ukraine», Senatsanhörung vom 8. März 2022: Video der Anhörung
- U.S. Department of Defense, «Biological Threat Reduction Program Activities in Ukraine», 11. März 2022: Offizielles Faktenblatt
- U.S. Department of Defense, «Fact Sheet on WMD Threat Reduction Efforts with Ukraine, Russia and Other Former Soviet Union Countries», 9. Juni 2022: Offizielle Darstellung
- U.S. Department of State, Archivbiografie Victoria Nuland: state.gov
- Office of the Director of National Intelligence, «Who We Are» – Aufgaben und Stellung des DNI als Leiter der US Intelligence Community: Offizielle ODNI-Rollenbeschreibung
- NIH / National Academies, Einführung und wissenschaftliche Einordnung von Gain-of-Function-Forschung: NCBI Bookshelf
- HHS, US-Regierungspapier zum Gain-of-Function-Deliberationsprozess: Offizielles HHS-Dokument
- U.S. Senate Committee on Foreign Relations, vollständige Anhörung «Russia's Invasion of Ukraine: Assessing the U.S. and International Response», 8. März 2022: Offizielle Anhörungsseite und Transkript